Paraguay? – ohhhhh, da muß es sooooo schön sein. *verklärtguck* Und so nette, entspannte Menschen! Mann, ich beneide Euch!“

„Ihr wollt nach Pa-ra-guay?! *augenaufreiß* Ausgerechnet in diese stinkende kriminelle Müllhalde? Seid Ihr völlig bekloppt?“

Ungefähr in diese beiden Rubriken fallen die Menschen, die sich bislang auf Nachfrage zu dem Thema geäußert haben. Und die, die ganz dringend und ungefragt ihren weisen, uneigennützigen Rat dazusenfen zu müssen meinten.

Also, noch mal ein paar Gedanken, warum und wie und wieso gerade Paraguay, und wie man überhaupt seine künftige neue „Heimat“ auswählt.

Egal, über welches Reise- oder Auswanderungsland man spricht, und auch in Bezug auf die BRD, wirst Du immer sehr unterschiedliche Töne hören.

Die einen haben ein wirtschaftliches Interesse daran, das Land schönzureden, die anderen haben ebenfalls ein wirtschaftliches Interesse daran, es ganz super-objektiv schlechtzureden. Die einen machen beschissene Erfahrungen und kommen mit einer Kugel im Bein heim (wenn überhaupt), die anderen sind nur netten Menschen begegnet und sind voll des Lobes. Die einen können einen objektiven Blick bewahren, auch wenn sie Grauenhaftes zu sehen bekommen. Die anderen verfallen ins Geifern. Die einen leben in einer sehr kleinen Wahrnehmungsblase und blenden den Rest aus – die anderen nicht. Wie immer ist der stärkste Faktor dabei der jeweilige Mensch – und die Tatsache, daß wir in gewisser Weise und auf noch nicht klar erforschten Wegen kräftig mit dafür sorgen, welche uns entsprechenden Erfahrungen wir so machen…

Aber zurück zu Paraguay. Das nebenbei bemerkt ein Land ist, und zwar gar kein so kleines – das sollte man bei allem etwas im Kopf behalten, sonst unterscheidet man sich in keinster Weise von den „dummen Amis“, wenn die über „Europa“ reden. Und auch beim Blick auf Deutschland sollte man sich bekanntlich lieber nicht auf einen Berliner Hinterhof oder ein Hamburger Problemviertel beschränken oder von Sylt bis Garmisch alles über einen Kamm scheren.

Die Fakten über Paraguay kann sich jeder aus ein paar halbwegs objektiven Seiten (Wikipedia & Co) schnell reinziehen – ich habe auch keinen Bedarf, hier eine Enzyklopädie nebst Reiseführer zusammenzusammeln – macht das mal gefälligst selber, wer auswandern will, braucht Eigeninitiative und Selbstverantwortung und eigene Entscheidungen… ;-)

Wer schon mal ein bißchen in der Welt inkl. sog. „Schwellenländer“ unterwegs war und nicht immer nur in abgeschotteten Hotel-Ressorts, kann sich bereits auf Basis dieser grundlegenden Infos einiges zusammenreimen – selbst wenn er noch nie in Südamerika war. Und auch an diesem Punkt der Informationsbeschaffung ist bereits klar, daß es sich keineswegs um ein reines Paradies handelt. Von denen es ohnehin keine mehr gibt auf der Welt, von wenigen Legenden und ein paar verlassenen Inselchen vielleicht mal abgesehen.

Weitere Eindrücke zu sammeln, gestaltet sich schwieriger, umso mehr, wenn man des Spanischen noch nicht allzu mächtig ist. Egal ob man nur an der Oberfläche liest oder ob man es gewohnt ist, zwischen den Zeilen zu lesen und die „Schwingung“ vermeintlicher Informationen wahrzunehmen, man ist nach einem kurzen Rundflug durch die deutschsprachigen Blogs und Foren und Nachrichtenseiten aus und über Paraguay je nach Temperament etwas verwirrt – oder sehr amüsiert. ;-)

Zu den üblichen Unterschieden (Bildung, sozialer Hintergrund, Interessen, Lebensstil, Wertvorstellungen, Erwartungen, politische Gesinnung, etc.) kommt hier nämlich noch ein weiterer, massiver Faktor.

Drücken wir es erstmal sehr zurückhaltend aus: sehr viele dieser Seiten verfolgen wirtschaftliche Interessen, sehr viele davon mit der Zielgruppe „neue Einwanderer aus der alten Heimat“, und dementsprechend sind die Informationen etwas, ähm, sagen wir: „justiert“. Was nicht immer Schönfärberei bedeuten muß – gerade auch das Gegenteil in Form von Negativmarketing ist sehr beliebt, denn je schwärzer man malt, desto besser kann man sich als einziges weißes Mähmäh in der bösen schwarzen Herde anpreisen. Na, Schwamm drüber, einstweilen – dazu noch demnächst beim Thema „Geschäftsmodelle beim Auswandern“.

Laßt Euch nicht kirre machen, nur weil jeder einen anderen Schmarrn erzählt – das ist wie in der Welt der „Nachrichten“ auch: ziemlich präzise niemand erzählt „die Wahrheit“, so es sie denn gibt, aber man kann aus dem Mosaik der Fehlinformationen und Halbwahrheiten ein paar Schnittmengen bilden, und die vermitteln schon einen ganz guten Eindruck von dem, was wirklich abläuft.

Explodierende Kriminalität, Mord und Totschlag, faule, dumme Einheimische, kaputtes Bildungssystem, Korruption an jeder Ecke, Diebstahl und Abzocke ohne Ende. Vergiftete Umwelt, Raubbau und finsterste Ausbeutung. Kinderarbeit. Tierquälerei. Und quälende Tiere. Und diese Dreckshitze.. Und überhaupt. Und unter Stroessner war eh alles viel besser.
Juhui. Bei manchen Menschen fragt man sich, ob sie ein ziemlich dringender Haftbefehl aus Deutschland vertrieben hat, oder warum sie sonst in so einem schliiiiimmmen Land leben…

Jedes der angesprochenen Probleme hat einen wahren Kern. Viele spiegeln uns das, was der relative Luxus und die kräftig bröckelnde verlogene Fassade in Europa und den USA in anderen Teilen der Welt anrichten. Andere sind hausgemacht. Wieder andere sind Spätfolgen von Kolonialisierung und Christianisierung.

Man könnte sich jetzt jedes Detail und vermeintliche oder reale Problem vorknöpfen und die Fragwürdigkeit und Doppelmoral auseinandernehmen. Man kann es auch lassen. Viele sind zumindest in meiner Sichtweise einfach nicht relevant dafür, ob ich in dem Land leben kann oder will. Auch in Deutschland sollte man manche Ecken meiden und tunlichst 80% der Realität verdrängen und ausblenden, sonst könnte man noch in Versuchung geraten, revolutionäre Umtriebe zu starten – das ist gegenwärtig fast überall so.

Und auch wenn die Wahrscheinlichkeit von gewalttätigen Übergriffen auf offener Straße vermutlich in vielen Gegenden Paraguays höher ist als in einer deutschen Durchschnitts-Stadt – wenn ich in irgendwelchen Foren lese, über welche Zeitungsmeldungen man sich da so aufregt – hey, das können wir in Deutschland locker kontern. Von „Ehrenmord“ bis „Familientragödie“, von „Amoklauf“ bis Mafia-Schießerei im Parkhaus, von gezielten Warnschüssen der Polizei bis Klassenjustiz-Alltag, von U-Bahn-Schlägern über Raubüberfall bis zum Abstechen von Zeugen mitten im Gerichtssaal. Jesus Maria, was für ein totgefährliches Land. Ich schließ hier trotzdem nie was ab, und irgendwie hatte ich auch noch selten ernsthafte Probleme. Und nicht nur hier – auch auf meinen Reisen in allerlei Ländern.

Mich interessiert das alles nur sekundär. Wer die Zustände in einem fremden Land ständig am bigotten mitteleuropäischen Standard mißt – der möge halt dableiben. Entweder es gibt Ideen, die man woanders vermutlich leichter umsetzen kann, oder die Sehnsucht nach Wärme, oder die Unlust, den europäischen Wirtschaftsfaschismus noch länger bei seiner Entfaltung zu beobachten – oder nicht. Wenn ja, dann gehe man, und löse die Probleme, die am Weg so auftauchen – wenn sie auftauchen. Und wenn man auf die Fresse fällt – nun, dann steht man wieder auf. Oder auch nicht. Wo ist das Problem?

Es gibt zwei grundlegende Entscheidungen, meine zumindest ich:

  1. habe ich berechtigten Grund zu der Annahme, daß ich in einem anderen Land weniger in dem behindert werde, was ich sein und tun will? Oder geht es nur um Themen in mir, die ich mitnehmen würde – und die ich auch in der BRD lösen könnte?
  2. Wie will ich sein und wie will ich leben? – und wenn das klar ist, wo kann ich möglichst bald und mit möglichst streßfreien Voraussetzungen davon etwas mehr umsetzen, als es in Europa aktuell möglich ist.

Hat man diese Fragen ehrlich und für sich selbst schlüssig beantwortet, dann kann man nach seinen persönlichen Kriterien das Land auswählen. Und aus meiner Sicht ist es dabei nicht Sinn der Sache, erstmal 20 Jahre nach der 100%-Lösung zu suchen oder von ihr zu träumen, seine Doktorarbeit über die Vor- und Nachteile der möglichen Einwanderungsländer zu vollenden, sehnsüchtig im Netz herumzuklicken, und nebenbei die Millionen zu verdienen, die man zum Auswandern bekanntlich unabdingbar benötigt, *lach*

Man kann auch eine 60-80%-Lösung wählen, weil sie sich schnell realisieren läßt und in jedem Fall für die Dinge, die einem wichtig sind, eine Verbesserung bringt. Man mache nicht immer so ein Geschisse aus allem.

Entscheidende Faktoren, die aus meiner Sicht für Paraguay sprechen:

  • einfache Einwanderungsbedingungen. Ich weiß, daß das als Hauptgrund gerade bei den Luxus-Auswanderern der 80er und frühen 90er Jahre häufig auf Unverständnis und Kritik stößt – aber es gibt gute Gründe, die BRD und Europa möglichst schnell zu verlassen. Auch und gerade, wenn man nicht allzu flüssig ist. Und wer sich nicht mal schnell eine beliebige Staatsbürgerschaft kaufen kann, der findet in Paraguay – sagen wir mal – das beste Preis-/Leistungsverhältnis ;-)
  • relativ leer, auch wenn die Bevölkerung im Land ziemlich ungleich verteilt ist. Im Vergleich zu Deutschland immer noch ein Gag, von MeckPom vielleicht mal abgesehen… ;-) Man kann sich aus dem Weg gehen.
  • angenehmes Klima, gut für eine mehr oder weniger weitgehende Selbstversorgung
  • relativ saubere Energie aus Wasserkraft, auch wenn man noch nicht selbst seinen Strom fabriziert.
  • Paraguay hat, zumindest nach meinem aktuellen Kenntnisstand, wenig interessante Rohstoffe, v.a. kein Öl, und ist auch geostrategisch nicht sehr spannend. Das mindert zumindest etwas das Risiko, mit Streubomben „befreit“ zu werden, selbst wenn sich minimal „linkere“ und vielleicht sogar „gerechtere“ und weniger korrupte politische Strukturen etablieren sollten (worauf ich allerdings ohnehin nicht meinen Hintern wetten würde)
  • Ausnahme bei den Rohstoffen ist Trinkwasser, wovon Paraguay eine der weltweit höchsten Reserven hat. Und zumindest das Tiefenwasser ist auch weitgehend unverseucht. Ein wichtiger Faktor in den nächsten Jahrzehnten und in einer Welt, wo bereits die meisten Quellen Nestle & Co gehören.
  • nach meinen bisherigen Informationen kommt man mit der Bevölkerung sehr gut klar, wenn man nicht den reichen arroganten deutschen Besserwisser und Kolonialisten und „Herrn“ raushängen läßt – und die meisten Dinge laufen einfach etwas entspannter und gemächlicher
  • recht umfängliche deutsche Bevölkerungsgruppe. Vor- und Nachteile, um es vorsichtig auszudrücken, aber zumindest in der Orientierungsphase bestimmt nützlich, wenn man nicht in erster Linie darauf aus ist, sich „abgezockt“ zu fühlen, sondern bereit ist, etwas Lehrgeld im Tausch gegen Komfort zu zahlen. Außerdem scheint es nicht nur Irre und kriminelle dort hingezogen zu haben – der Anteil an genießbaren bis richtig netten Gestalten und Exzentrikern, Spiris, Communities scheint mir eher höher zu liegen als in der BRD.
  • ziemliches Laissez-faire seitens der Behörden in puncto Baurecht, Kleingewerbe, „TÜV“, Tierhaltung, etc… Scheint zwar auch langsam etwas spießiger und reglementierter zu werden, aber noch kann man m.W., gerade wenn man von sich aus ein eher „verantwortungsvoller“ Mensch im Umgang mit sich, anderen und der Natur ist, ziemlich unbehelligt sein Ding umsetzen.
  • politische Entwicklung ist in Lateinamerika sicherlich Geschmacksache und sollte auch nicht allzu genau betrachtet werden (wie überall auf der Welt…), aber es gibt zumindest ein paar Ansätze zwischen Venezuela und Bolivien, die mikrometerweise in eine sinnvollere Richtung deuten – im Gegensatz zu den meisten anderen Weltgegenden, wo sämtliche Zeichen auf ungebremsten Wirtschaftsfaschismus, Krieg Niedergang, religiösen Irrsinn – oder fröhliche Kombinationen daraus – stehen.
  • Lebenshaltungskosten in Relation zu Infrastruktur auf akzeptabel niedrigem Niveau. Dazu demnächst noch im Detail.

Das reicht, für meinen Geschmack.

Und alles weitere sieht man. Eingewöhnungsprobleme gibts immer – ein Ausländer in Deutschland kriegt beim Einkaufen auch erstmal die Krise, von allerlei anderen deutschen Eigenheiten und Springerstiefeln mal ganz abgesehen.

Bekloppte, Kriminelle und die überwältigende Mehrheit der etwas allzu „normalen“ Menschen, die einen halt einfach nicht so wirklich interessieren, gibt es ebenfalls überall. Man gehe sich aus dem Weg und lasse sich in Frieden. Ein paar Hektar um sich herum erleichtern das bedeutend. ;-)

Und wenn man nach ein paar Jahren feststellt, daß es doch nicht paßt?
Dann hat man eine Erfahrung mehr, und zieht weiter.

„If in doubt, follow your nose.“ Und jeder entscheidet selbst, welchen Duft oder Gestank er wahrnimmt.

Soooorry, falls ich irgendjemanden mit diesem Artikel enttäuscht habe, der/die auf zwingend logische Entscheidungswege, Exceltabellen und eine umfassende Evaluierung der critical success factors gehofft hatte. Meine Unternehmensberaterzeiten sind vorbei, ich treffe Entscheidungen heute anders. ;-)
Geht los, wenn Ihr noch Träume habt und lebt dort, wo es Euch aus logischen oder „energetischen“ Gründen hinzieht, mit dem Risiko, daß Ihr einzugehen bereit seid, und den Einschränkungen, die das Leben in einem Schwellenland nun einmal mit sich bringt – und wenn es Euch nicht umtreibt, dann bleibt halt daheim.

4 Antworten auf Warum eigentlich ausgerechnet Paraguay?

  1. Lugbauer Friedrich sagt:

    Ich war 2009 für 6 Wochen drüben. Möchte in einigen Monaten wieder rüberfliegen und freue mich über Kontakte.
    mfg

  2. Christine Bram sagt:

    Hut ab, das ist mit Abstand der beste Artikel, den ich je über Paraguay gelesen habe, denn er trifft den Nagel spräzise auf den Kopf. Ich gebe das neidlos zu, obwohl ich selbst viele ähnliche Artikel verfasst habe.Ich lebe seit sehr vielen Jahren in Paraguay, kenne das Land auch noch aus der Zeit von Papa Stroessner. Ich kann dem nur noch eins hinzufügen: wem es hier nicht passt, der kann problemlos wieder verschwinden. Immerhin leben wir nicht mehr zu Zeiten von Kolumbus, wo die Heimreise ein fragliches Unternehmen war.
    Einen Dank an den Verfasser
    Christine Bram

    • ähm – danke für die Blumen, Christine! ;-)
      Der Artikel bezieht sich ja auch weniger auf PY, mehr auf den Mindset dessen, der wirklich geht (oder eben nicht). Das meiste, obwohl geschrieben, bevor ich auch nur einen Fuß auf paraguayischen Boden gesetzt hatte, sehe ich übrigens immer noch so – nachdem ich nun etwas über ein Jahr hier bin…

      Laß es Dir gutgehen (neue Bücher in der Mache?), und vielleicht läuft man sich ja mal über den Weg, ist ja übersichtlich hier ;-)

  3. Milena sagt:

    Ja Paraguay ist Paraguay…. Im Dezember 2012 Ist mein Auswanderungstermin… Nix wie weg HIER…

    Ilove Paraguay

    Milena

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