Selbstversorgung

Wenn man in Auswanderer-Foren und -Blogs oder auf den Webseiten angehender oder bereits existierender Gemeinschaften herumstöbert, springt einen fast überall das Wörtchen „Selbstversorger“ an.
Als Traum, Absicht, oder angebliche Realität.

Auch bei Elfenwald.

Was verstehen Menschen aber darunter? Und was verstehen wir darunter?

Da ist zunächst einmal eine gewaltige, unterschwellige Angst – und eine daraus resultierende Sehnsucht. Der „moderne Mensch“, arbeitsgeteilt, entfremdet und in Städten hausend, ist in höchstem Maße abhängig. Strom, Wasser, Benzin, Heizöl, Essen – alles muß zu ihm gebracht werden, bei allem ist er auf das reibungslose und kontinuierliche Funktionieren einer komplexen Infrastruktur und Logistik angewiesen. Und darauf, „Geld“ zu verdienen, um all das auch bezahlen zu können und nutzen zu dürfen.

Gerade in Situationen wie der sog. „Finanzkrise“ griff da bei manchem Städter schon leichte Panik um sich. „…und wenn dann alles zusammenbricht? Dann gibts nicht mal mehr Essen und Wasser, auch kein Benzin mehr fürs Auto, um rauszukommen, und man geht drauf.“ Auch wenn Übertreibung und vorauseilende Panik selten weiterführen – im Prinzip waren diese Gedanken durchaus richtig. Selbst die einfachen, überlebensnotwendigen Dinge sind für die meisten von uns nicht mehr selbstbestimmt und aus eigener Kraft abzudecken. Das macht machtlos, ängstlich, manipulierbar. Erpreßbar. Und viele haben u.a. deswegen den Traum, sich „selbst zu versorgen“.

Wie aber soll das praktisch aussehen? Und wie weit soll es gehen?

Darüber kann man fröhliche, dickliche Bücher schreiben, oder auch solche, die vor Weltuntergangs-Survivalheldentum strotzen. Und das wurde auch schon reichlich getan.

Man kann ein paar dieser Bücher auch lesen, wenn einem danach ist.

Ich möchte das hier gar nicht in aller Breite auswalzen, sondern lieber darstellen, was ich meine, wenn auf den Elfenwald-Seiten das „S-Wort“ fällt.

Nämlich keine 100%ige Selbstversorgung. Ich halte das für unnötig, ja nicht einmal für wünschenswert. Und auch nicht für möglich, wenn man nicht wirklich in die sprichwörtliche Steinzeit zurück will bzw. den Rest seines Lebens in Vollzeit damit beschäftigt sein will, sich selbst zu versorgen.

Es macht innerlich frei und unabhängig, wenn man das Land, das Wissen, und ein wenig Werkzeug und Saatgut und technisches Equipment hat, so daß man sich im „Ernstfall“ über die Runden retten kann und zumindest satt ist, zu trinken hat, und nicht frieren muß. Das geht. Es geht auch, dank viel neu ausgebuddeltem alten und etlichem neuen Wissen, und nicht zuletzt auch dank einiger technischer Hilfsmittel, die einem selbst in postapokalyptischen Szenarien zumindest bis zum ersten fehlenden Ersatzteil zur Verfügung stünden, wesentlich einfacher, als es für unsere bäuerlichen Vorfahren möglich war.

In einem warmen, mit recht fruchtbaren Böden und viel gutem Wasser gesegneten Land ohnehin – da muß man ja, wenn man sich nicht ganz dämlich anstellt, eher aufpassen, daß man von den Früchten nicht erschlagen wird… ;-)

Aber so ganz umsonst hat sich die „Zivilisation“, die Arbeitsteilung, der ganze technische Krimskrams ja nun auch wieder nicht entwickelt. Manchmal ist ein Bindfaden halt doch ganz praktisch. Oder eine Niete, oder ein Nagel. Oder die gute Kupferhacke für das Mondbeet. ;-) Wollen wir das wirklich alles selbst herstellen, wollen wir jetzt Kupfer schürfen, schmelzen, legieren, hämmern, Stiele machen, Hacken vollenden? Ich nicht. Mal nen Ersatzstiel schnitzen, ok – aber alles, was mit Metallbearbeitung zu tun hat, erfordert spezielles Wissen, Werkzeug, Werkstatt. Und wird lieber jemandem überlassen, der das gerne macht und besser kann. Ich möchte auch nicht ganze Werkhallen und einen Riesenhof mit Maschinen für alles und jedes.

Von moderneren Dingen mal ganz abgesehen. Ich bin kein Prediger des radikalen Zivilisationsverzichts. Und ich habe keinerlei Lust, eine Chipfabrik nebst Reinraummontage oder eine Notebook-Manufaktur im Elfenwald aufzubauen. Ich möchte mir gerne bei Amazon oder sonstwo ein MacBook bestellen können und das dann von einem Paketdienst in den Wald gebracht bekommen.

Oder ein Cello. Ich habe schon viele Dinge gelernt in meinem Leben, aber Instrumentenbau überlasse ich begnadeten Schnitzern… ich spiele die Dinger allenfalls.

Tausende Beispiele. Natürlich – eigentlich auch klar. Und nicht der Rede wert.

Aber ich reite so darauf herum, weil die meisten Menschen dermaßen unbewußt sind, daß sie gar nicht merken, wie sehr verwoben sie sind in den Rest der Welt und sich aus der Sicherheitsillusion der Zivilisation in die Sicherheitsillusion des „Selbstversorgers“ katapultieren. Die im Brustton der Überzeugung behaupten, sie seien „Selbstversorger“, und ein kurzer Rundblick in der Küche zeigt schon, was bei einem 3-wöchigen Ausfall des örtlichen Supermarktes und Haushaltswarenmarktes los wäre… Oder umgekehrt diejenigen, die das Zerschlagen der Zivilisation fordern – vom Notebook in ihrem klimatisierten Professoren-Büro an einer amerikanischen Universität aus (ja, ich meine genau den).

Ich halte es für sinnvoll, sich in den Bereichen selbst zu versorgen, wo es relativ einfach geht, einem noch Zeit für anderes läßt, und wo der Effekt (Gesundheit, Freude, Zuwachs an Unabhängigkeit) maximal ist. Also vor allem Nahrung und Wasser. Auch hier ergibt es nicht viel Sinn, ALLES selbst zu machen, oder es sich zu verbieten, vom freundlichen Bio-Bauern um die Ecke nen Sack Linsen zu kaufen oder zu tauschen gegen eine Brainwave Session oder bissl Internet-Beratung, nur weil die ja nicht selbst angebaut sind…

Aber man bekommt es hin, daß man die Dinge, die einem am wichtigsten sind, im eigenen Garten und Wald hat.

Dazu vielleicht ein paar Tiere, aber nicht „halten“, sondern einladen, auf dem Land zu leben. Selbstversorger, sozusagen, denen man allenfalls noch ein paar Futterpflanzen an den Waldrand sät, die sich aber ansonsten frei und fröhlich um sich selbst kümmern. Und wenn großes Fest oder großes Hungersnot angesagt ist, wird man jemanden mit Flinte oder Armbrust und großem Messer hinter den Wildschweindln herwetzen sehen. ;-)

Wasser quillt vorzugsweise von selbst aus dem Boden, zusätzlich hat man Brunnen-/Pumpentechnik, Umkehrosmoseanlage, Ersatzteile für ein paar Jahre und ein paar Eigenbauten zur Wasser“belebung“ bereitstehen. Verschleißarme Stromtechnik, die zumindest den Betrieb der wichtigsten Dinge und ein wenig Licht sichert, auch wenn von „draußen“ kein Saft mehr kommt. Ein bißchen Wissen und antrainiertes Geschick, um ggf. die wichtigsten Reparaturen durchführen zu können. Ein paar der Gigabyte von Informationen, die im (im Krisenfall nicht mehr zugänglichen) Internet herumliegen, heruntergezogen und auf die eigene Festplatte gepackt, schön aufbereitet in einer Knowledge-Management-Software wie „TheBrain“.

Und schon ist man recht fröhlich. Es schadet auch nicht, sich ein paar Waffen zum Jagen und zur Verteidigung zuzulegen (und damit geübt zu sein), ein paar Hundert Liter Sprit und ein paar Pferde, damit man auch mal einen Versorgungsengpaß in Sachen „Mobilität“ gut übersteht. Ein paar Vorräte, von mir aus auch so etwas Perverses wie Konserven. Der übliche Survival-Kram halt, aber nicht im Stile gewisser „Milizen“, und weniger auf dauerhafte „Selbstversorgung mit Kampfauftrag“ ausgerichtet, mehr als Reserve, um mal ein paar Monate einen Versorgungsengpaß, Generalstreik oder Putsch oder sonstige Kapriolen der Außenwelt abzufedern. Aber auch das nicht mit Fanatismus und Perfektionismus und getrieben vom Wunsch nach totaler Sicherheit… eher in dem Bewußtsein, daß man eh irgendwie durchkommt, daß es auch nicht übermäßig tragisch ist, wenn man nicht durchkommt, und daß man es sich mit ein wenig Vorbereitung einfach leichter macht.

Selbstgemachte Kleidung? Klar, wer möchte, immer. Ich persönlich habe da wenig Talent und Antrieb, allenfalls besorge ich mir hochwertige Stoffe und schneidere mir mal einen bestimmten Mantel, den es so am Markt noch nicht gibt, was mich fuchst.
Vieles, was über die absolut überlebensnotwendigen Dinge hinausgeht, hat beim Thema „Selbstversorgung“ auch einen stark emotionalen und spirituellen Aspekt. Mancher fühlt sich in einer Hülle, die er sich selbst aus selbstgezupften Pflanzenfasern oder Schafswolle gewebt hat, einfach „richtiger“, besonders, nachdem er sie mit Hopi-Amaranth selbst gefärbt hat. Und das ist auch ok.
Andere werden Wert darauf legen, daß bei ihren Behausungen möglichst viel selbstgemacht ist, und z.B. auch auf eine mit maschineller Präzision hergestellte Tür verzichten.

Jeder soll da für sich und seine Dinge so weit gehen, wie er meint, es zu brauchen und wie es sich für ihn richtig anfühlt.

Ich halte jedenfalls auch „Selbstversorgung“ für keinen absoluten Wert und Fetisch. Spezialistentum, Warentausch, sogar Handel können durchaus nette Resultate hervorbringen. Es geht für mich nicht darum, alles, was sich an „Zivilisation“, „Kunst“, „Kultur“ in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, einzustampfen, nur weil es in den bisherigen Umsetzungen sehr ärgerliche Nebenwirkungen hatte.

Wenn die Menschen reifer und liebevoller und vielleicht auch wieder ein bißchen weniger geworden sind, gibt es meiner Meinung nach keinen Grund, der dagegen sprechen würde, hübsche und nützliche technische Errungenschaften zu nutzen, und Wissen und Waren in einer fröhlich-bunten Tausch- / Schenk- und von mir aus auch (Schwund-)Geldwirtschaft regional auszutauschen und auch quer über den Globus zu jagen.

 

 

Nachtrag Mitte 2015: ich habe gerade erst entdeckt, daß ich mit diesem betagten Artikel in einem Buch von Greta Taubert: Apokalypse jetzt!: Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite. Ein Selbstversuch zitiert werde. Das Buch und die Autorin scheinen durchaus putzig zu sein, daher rege ich mich nicht künstlich auf, – obwohl die Autorin, eine preisgekrönte „Qualitätsjournalistin“, sich genau an die Bildzeitungs-Regeln zum Zitieren gehalten hat:

1. mich nicht nicht kontaktiert/um Erlaubnis gebeten
2. mich mit wertendem Etikett belegt („Autarkie-Prophet“, LOL – also Artikel entweder nicht verstanden oder bewußt reißerischen Quatsch geschrieben)
3. Zitat ohne Auslassungszeichen sinnverfälschend gekürzt und den ironisierenden Smiley entfernt
4. Zitat aus dem Zusammenhang gerissen

Good job.

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