Naked is Normal. Von Nackten, Nudisten und Körperhassern.

Ich könnte mich ja immer brezeln.

...und hier schneiden wir das Bild dann mal lieber ab, nicht daß noch irgendwelche "religiösen Gefühle" oder gar der "Anstand" verletzt werden, gelle?

Da latscht irgendwo ein Wanderer nackt durch die Alpen, und besorgte Familien rufen sogleich die Polizei, die den Bösewicht wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses oder schlimmerer Verdächtigungen aus dem Verkehr zieht.
Wegen nackter Bilder („nudity“ – oh my Gosh…) werden Forumsprofile gesperrt, für die Abbildung erigierter Glieder braucht man einen Jugendschutzbeauftragten, und überhaupt muß die Jugend dringend vor Titten und Schwänzen bewahrt werden, während der Jugendschutz bei Bundeswehrwerbung, Kirchenpropaganda, Versicherungsverkauf, Krebsmedizin, medialer Gehirnwäsche und den Absurditäten der Schul-Le(e)hrpläne irgendwie selten zu sehen ist…

Außerhalb der BRD ist es meist nicht gerade besser – die Körperhasser und Körperverhüller, die Kleiderständer und Verschleierer sind, meist auch noch aggressiv und religiös verblendet, allenthalben dominant und auf dem Vormarsch.

Und praktisch überall ist es üblich, daß nicht etwa die Bekleideten sich für ihr bigottes und verklemmtes Sein zu entschuldigen haben, sondern der freie Nackte gezwungen ist, über die Schulter zu schauen, ob nicht irgendwo ein prüder Kleiderträger in seinen religiösen oder sonstigen „Gefühlen“ „verletzt“ sein könnte…

Absurd.

Was ist eigentlich so unsäglich schlimm am nackten menschlichen Körper?

Nur in einem freien Körper wohnt ein freier Geist.
(in Abwandlung eines anderen oft mißbrauchten Zitates)

Gar nichts. Und genau das ist das Problem. Nacktheit und Sex 1 sind die beiden Themen, wo am erfolgreichsten die menschliche Seele gespalten und in den Hirnen die Schere geöffnet wurde, die „Schuld“, „Sünde“, „Scham“ und „Moral“ als Mittel der Manipulation und Macht etablierte.

Und nichts ist effizienter, als das Gefühl von Schuld an etwas zu koppeln, was als natürlichstes Bedürfnis in jedem Menschen vorhanden ist.

Amüsant ist dabei die erbärmliche Bigotterie, wie beim Sex auch: Ehe und Familie und Seelenhälften-Dogma werden als Normwerte hochgehalten, aber Seitensprungportale und Swinger-Kneipen (wohin sich gewöhnlich kein Anhänger der Freien Liebe verirrt) quellen über vor AnDRANG.

Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider schämen!
(Nietzsche, Zarathustra)

Ähnlich bei Nacktheit und Körperkult: die Obsession mit körperlicher „Perfektheit“ und zur Schau stellender „sexy“ Textilien ist ebenso absurd wie die Allgegenwärtigkeit offener oder symbolisierter Nacktheit in Medien und Werbung – nur wer tatsächlich und selbst nackt herumläuft, wird als Sittenstrolch denunziert oder lächerlich gemacht.

Was tun? Der Wunsch nach unreglementierter Nacktheit ist nicht eben neu.

Nudisten, Naturisten, Freikörperkultur/FKK, etc. pp. – ganze Bewegungen und Organisationen gab und gibt es, schon seit geraumer Zeit, die sich dem Thema widmen. Bisher ist fast allen jedoch eines gemeinsam: die Akzeptanz der Norm, das Eingeständnis, daß Nacktheit etwas Spezielles innerhalb der bekleideten Norm sei, und daraus folgend die Ghettoisierung der Nackten in speziellen Reservaten, von FKK-Strand bis zu den wenigen Nudisten-Siedlungen, die es weltweit gibt.

Die Abschottung und der ständige Zwang zur Selbstbehauptung haben gleichzeitig zu einer Teilmilitarisierung geführt – wie jeder bestätigen kann, der schon einmal angezogen über einen FKK-Strand geschlendert ist und dabei womöglich noch (vielleicht sogar ohne tiefere Absicht) eine Kamera umhängen hatte…

We won’t have liberated ourselves from servitude until people throw all their clothes in the closet in spring and don’t take them out again before winter. We won’t be human beings, the way apes are apes and dogs are dogs, until we fuck where and when we want to, like any other mammal. Fucking in the streets isn’t just a tactic to blow minds; it’s recapturing our own bodies. Anything less and we’re still robots possessing the wisdom of the straight line but not the understanding of the organic curve.
(Robert Anton Wilson, Illuminatus Trilogy)

Wer jetzt weltveränderndes Lamento und rhetorisch aufgepepptes Pathos und den Aufruf zu radikalem, öffentlichem, nacktem Ungehorsam von mir erwartet, – wird enttäuscht sein. Wie in so vielen anderen Bereichen auch ist meine Haltung zum Thema Nacktheit irgendwo zwischen Gelassenheit und Resignation angesiedelt. Die Menschheit ist einfach noch nicht so weit, die meisten Konsum- und Moralzombies wollen es halt nicht anders, und die Religiöslinge sind ohnehin jenseits von Gut und Böse.

Ich für mein Teil ziehe mich, zumal ich nun ein einem Land lebe, dessen Klima es meist gestattet, ohne Kleider herumzulaufen, einfach so oft wie möglich aus. Und sobald wir über ein eigenes Grundstück verfügen, werde ich dafür sorgen, daß weite Bereiche uneinsehbar sind und einem die Moralvorstellungen und Klemmigkeiten der Außenwelt folglich wurscht sein können. Fertig.

Wer mit dort leben möchte, kann es für sich selbst so halten, wie er/sie will – aber wer ein Problem damit hat, wenn ich morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand nackt im Garten herumspaziere, der hat im Elfenwald nichts verloren…

Vielleicht noch ein paar Warnschilder am Eingang, die Besucher auf mögliche Begegnungen der Dritten Art vorbereiten. Wer es nicht erträgt, zumindest kurzzeitig einen oder mehrere nackte Menschen zu sehen, möge halt draußen bleiben.

Selbstverständlich würde ich auch gerne im Sommer nackt Motorrad fahren oder an einem lauen Abend ohne Klebetextil in einem Restaurant sitzen – aber das ist halt auch hier, wo kein Werbeplakat ohne einen möglichst aufreizenden, aber selbstredend teilverhüllten Frauenarsch auskommt, ansonsten aber katholische Bigotterie alles fest im Griff hat, noch nicht möglich.

Vielleicht ein paar Inkarnationen weiter – vielleicht auch nicht.

Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von dir ab und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.
(Nietzsche, Zarathustra)

Hängt davon ab, ob wir in der Lage sind, Grundthemen wie Selbstachtung und Selbstliebe, Freiheit, Freie Liebe statt emotionaler Käfighaltung und dauerunterdrückter Notgeilheit, etc.pp. in den nächsten Jahrhunderten in den Griff zu bekommen – oder nicht.

Bis dahin erinnern wir uns und andere einfach immer mal wieder daran, daß Nacktheit das Normalste der Welt ist.

  1. Anmerkung: Auch wenn viele und mutmaßlich im Alltag meist angezogene Internet-Nutzer nach Sexbildchen im Zusammenhang mit Nudismus suchen – Sex und Nacktsein haben nur teilweise miteinander zu tun. Weder haben Nudisten notwendigerweise mehr oder gar wahllosen Sex, noch ist natürliche Nacktheit per se ein Scharfmacher. Es sind eher die Kleiderständer, die notgeil nach Nackerten sabbern…
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