Macht.

„Verhasst ist mir das Folgen und das Führen
Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht Niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann Andre führen.
Verhasst ist mir’s schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren.
In holder Irrniss grüblerisch zu hocken,
Von ferne her mich endlich heimzulocken,
Mich selber zu mir selber – zu verführen.“

(Nietzsche, „Der Einsame“)

Ich schätze die Macht nicht. Doch, DIE natürlich schon, möge sie mit Dir sein. ;-) Aber das ist eine fragwürdige Übersetzung – was der Jedi-Meister „the Force“ nennt, ist eher die Urkraft als „die Macht“. Dazu kommen wir später.

Doch die übliche „Macht“, nach der die meisten Menschen (auch und gerade viele Esos und „Spirituelle“) geiler sind als nach allem anderen, ist nicht die Macht ZU etwas, sondern die Macht ÜBER andere. Erbärmlich und anwidernd – und über ihre gängigsten Ausprägungen in Form von Politikern und Managern, Führern und Priestern, Gatten und Gattinnen, Gurus und „Stars“ habe ich nicht einmal Lust, zu schreiben. Nur so viel zur politischen Macht: man entziehe sich ihr, soweit möglich, und strafe ihre Auswüchse mit Unernstigkeit und Widerstand.

Ich kann die üblichen Leitwölfe und Möchtegern-Alphatiere, die Patriarchenmännchen und Domina-Weibchen, ihr Affenfelsen-Imponiergehabe, ihre Intrigen und ihre durchsichtigen Überlegenheitsrituale nicht besonders ausstehen. Brauchen wir den Quatsch wirklich noch?

Anscheinend schon. Und ich bin da duldsamer geworden als früher. Es gibt noch zu viele, die geführt und beherrscht werden WOLLEN, die Unfreiheit und Hörigkeit brauchen, und solange wird es auch Raubtiere und Rudelführer und sonstige „Führer“ geben, und hier und da paßt es sogar und ist „gut so“. So sei es denn.

Trotzdem – arbeiten wir schon mal an Alternativen und entwickeln uns weiter, ok?

Ich rechne mich zur relativ neuen Klasse der Iota-Tiere. Nein, brauchst Du nicht bei Wikipedia nachzuschlagen, in der Hörsaal-Psychologie kommen die nicht vor. Iota-Tierchen sind meine Wortschöpfung, das I steht für „independant“. Wir könnten sie auch Kappa-Tierchen nennen, weil sie Katzenwesen sind, sozial aber doch unabhängig, aber das würden die nicht verstehen, die keine Katzenwesen sind… ;-) Also bleiben wir bei Iota.

Es sind Wesen, die ihre Stärke nicht über Lautstärke und Pseudo-Dominanz definieren, sondern über Weisheit, innere Kraft, Liebesenergie, Unkorrumpierbarkeit, Gleichmut. Die sich von den üblichen gruppendynamischen Spielchen der Herdenwesen von Dominanz bis Balz gelangweilt fühlen, wenig Lust verspüren, sich darin zu üben, und weitestgehend ohne das auskommen.

Die selten die Konfrontation mit den Alphas und ihren Handlangern suchen – sondern sich von ihren dummen Hierarchien entkoppeln. Die vorzugsweise den Umgang miteinander auf Augenhöhe pflegen – wenn sie denn Umgang pflegen. Die auch für sich sein können. Die sich durch ein hohes Maß an Selbstverantwortlichkeit und Bewußtheit auszeichnen – und damit fähig sind zu einer führerlosen Daseinsform, die ich „positive Anarchie“ nenne.

Iota-Tierchen sind für Alphas das schlimmste Feindbild. Sie wirken zersetzend auf ihre sorgsam konstruierten Kontrollsysteme, weil sie die kindischen Rituale der Macht und Manipulation erkennen und entlarven und nicht sonderlich ernst nehmen. Ihr Vorbild ist hochinfektiös für den fortgeschritteneren Teil des Rudels und untergräbt damit die Machtbasis der Alphas. Und sie kommen oft ziemlich gut bei den etwas weiter entwickelten Weibchen an, was den Alphas ein zusätzlicher Dorn im meist eigentlich gar nicht so potenten Fleische ist… ;-)

Aber da ist noch ein Aspekt von „Macht“. Einer, den ich sehr lange für mich auch nicht annehmen konnte, was mit meiner ferneren Vergangenheit zusammenhängt, soweit ich weiß. Der gleiche Grund, warum ich auch bestimmte Bereiche der Spiritualität und Magie meide und nicht so recht nutzen mag – da habe ich mir und anderen mal gründlich die Pfoten verbrannt und traue mir selbst nicht. Und allzuoft hat auch diese „positivere“ Seite der Macht, die ich Schaffensmacht nennen möchte, ja wirklich leider den abstoßenden Geruch der Herrschaftsmacht an sich.

„I do not want that power. I’ve never wanted it.“

(Aragorn, „Lord of the Rings“)

Aragorn, der Ranger, „Strider“, wußte darum – und nur ein höchst britischer Autor und das geballte Böse seiner Welt brachten Aragorn, den letzten Erben des alten Königsgeschlechts von Numenor, dazu, diese Macht, die er nie wollte, doch anzunehmen…

Aber zurück zur Schaffensmacht. Ihr Wesen und ihre Quelle ist den meisten nicht klar. Sind auch nicht wirklich klar – aber zumindest halbwegs beschreibbar, was für die praktische Anwendung ausreicht. Ich empfehle jedem, der des Englischen mächtig ist, „The Inner Secret“ 1 gründlich zu lesen (m.W. gibt es von diesem Büchlein leider keine deutsche Übersetzung – vielleicht erbarme ich mich mal). Alternativ reicht es auch, erst noch mal die Star Wars-Filme zu sehen… ;-) und ein wenig darüber nachzudenken was „the Force“ ist, von der Hängespitzohr Yoda und Obi Wan Kenobi da reden…

Ich will das hier nicht erschöpfend ausbreiten, sondern nur anreißen: wer sich langsam seiner selbst bewußt wird, durchläuft üblicherweise drei Stufen (es gibt noch ein paar dazwischen, aber schlabbern wir die grad mal).
Die erste Stufe ist das „Ego“ oder englisch das „I“, das Ich, das unserer aktuell inkarnierten Hülle und den mit ihr verbundenen Charakterzügen, Fähigkeiten, Erfahrungen, Persönlichkeit(en), etc entspricht. Die meisten Menschen, auch und gerade sehr intelligente, bleiben auf dieser Stufe der schulpsychologischen Selbsterkenntnis und des „SelfImprovement“ und rotieren mit wachsender Geschwindigkeit um ihren Bauchnabel resp. um ihren Kopf. Diese Stufe kann man auch als „Spielfigur“ beschreiben, weil sie sich zu unseren anderen Bewußtseinsebenen ungefähr so verhält wie eine Kasperlepuppe oder ein Avatar in einem Computerspiel zum Spieler. Was diese Ebene übrigens keinesfalls entwertet oder überflüssig macht – ohne Spielfigur kann man das Spiel nicht spielen.

Die zweite Ebene ist das „I am“ oder „I am I“. In der ernsthafteren Esotherik wird diese Ebene ungefähr durch den Begriff des „höheren Selbst“ beschrieben, man kann auch, wenn man will, die „Seele“ damit in Verbindung bringen. Es ist der etwas weniger vernarbte und weniger zeitabhängige Teil von uns, der überdauert, der das Bild in sich trägt, das wir sein wollten, und der immer mal wieder mit einer neuen Spielfigur („I“) versucht, sich in der dreidimensionalen Welt zu erleben – mit wechselndem Erfolg und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Die dritte Ebene ist das „I-am-THAT-I-am“. 2
Diese Ebene beschreibt, formt und IST „alles“.

Bevor es uns das Hirn wegsprengt, nehmen wir Zuflucht zu halbwegs einfachen Bildern: das Universum, inkl. der Illusionen von Raum und Zeit, ist anscheinend letztlich eine Art überzeitlicher Energiebrei, der über ein Bewußtsein seiner selbst verfügt. Dieser „göttliche Weltengrund“ ist allumfassend – doch zugleich zum mutmaßlichen Zwecke der spielerischen Selbsterfahrung in einer Art Tagtraum aufgesplittert in Galaxien und Mikroben, in Menschen und Rindviecher, in Algen und Supernovae. Alles, bis hin zum kleinsten vermeintlichen „Teilchen“ hat also eine Dreifachnatur, über die man jetzt ungefähr so lange wortreich sich verbreiten könnte, wie die Scholastiker seinerzeit über die Dreieinigkeit ihres Christengottes gestritten und onaniert haben. Ich stelle es einfach mal als gesetzt hin: jeder von uns, ebenso wie jeder Schneck oder der Planet Erde als Gesamtorganismus, ist zugleich „I“, „I am I“ und „I-am-THAT-I-am“, das große Ganze. Bzw. alle drei sind Betrachtungswinkel des gleichen Sachverhaltes, ähnlich wie das Elektron am Doppelspalt mal Welle, mal Teilchen spielt.

Unsere „Realität“, dieser in ständigem Fluß befindliche Energiebrei, ist in wesentlich höherem Maße formbar, als die Meisten das annehmen möchten. Das wird gerne als „magisches Weltbild“ denunziert, und in gewisser Weise ist es das auch und IST einfach so ;-)

Wer im Bewußtsein seiner Natur als Teil und Ganzes zugleich lebt, dieses nicht nur intellektuell als „möglich“ und „interessant“ und vielleicht sogar „richtig“ begriffen und beschlossen hat, sondern wirklich in voller Überzeugung und Erfahrung WEISS, der ist weitestgehend jenseits der Limitationen des „I“ angelangt. Und verfügt über immense Schöpfungsmacht – oder, je nach Weltbild, über die Fähigkeit, zwischen den unendlichen Möglichkeiten der unzähligen Paralleluniversen willkürlich zu „surfen“.

Doch auch hier lauert wieder die „dunkle Seite der Macht“. – was nicht weiter schlimm ist, denn auf der ganz übergeordneten Ebene wird auch über „Gut“ und „Böse“ allenfalls liebevoll gelächelt, dort sind sie bedeutungslos. Klar ist aber, daß ein Wesen, das sich seiner Schöpfungsmacht bewußt geworden ist, allein durch sein Sein – selbst ohne bewußte Anwendung der Macht – die gemeinsame Realität weniger bewußter Wesen mitformt. Das kann es bewußt, manipulativ und in böser Absicht tun – auf bemüht „gute“ Weise, was meist nach hinten losgeht – oder eher beiläufig, indem es seinen Weg einfach auf den für es „richtige“ Weise geht und dabei halt formt, was es formt.

Nochmal eine realweltliche Analogie, die zwar wie jeder Vergleich etwas humpelt, aber vielleicht wird es dann klarer. Nehmen wir ein OpenSource-Programm, wie Firefox, den beliebten Webbrowser. Die Mehrheit der Firefox-Nutzer weiß weder, daß Firefox OpenSource ist, noch was das bedeutet. Sie nehmen das Programm als gegeben hin inklusive seiner Limitationen, nehmen erfreut zur Kenntnis, daß es kostenlos ist, lassen es sich möglichst noch von jemand anderem installieren und erklären – und klicken dann einfach in „diesem Internet“ herum, das sie meist noch mit der Google-Startseite verwechseln, und amüsieren sich auf YouTube.
Die nächste Stufe wäre, sich dessen bewußt zu werden, daß Firefox OpenSource ist, daß jeder Benutzer gleichzeitig Tester und Entwickler sein kann, wenn er das will, und anzufangen, diese Einflußmöglichkeit zu nutzen. Anderen Nutzern in Supportforen zu helfen, Fehlerberichte an die Entwickler einzureichen, Verbesserungsvorschläge zu machen, etc.
Und die „I-am-THAT-I-am“-Ebene wären dann die paar Dutzend Benutzer, die ihre Miterschaffensmacht erkannt und angenommen haben und zugleich User und Lead-Developer der Firefox-Community sind. Sie haben „Macht“, sie erschaffen, sie bündeln die Ideen der weniger Bewußten und Fähigen und setzen sie in Programmcode um. Und zwar auf einem Niveau, das bereits wieder leicht korrumpierbar ist, aber darum geht es grad nicht.

Persönlich hält sich mein Machtstreben in Grenzen, in Sachen Herrschaftsmacht ohnehin, und auch die Schaffens- und Schöpfungsmacht gedenke ich nur behutsam zu nutzen. Noch stehen mir ohnehin ein paar Limitationen und Verwundungen des „I“ im Wege, die Ebene des „I am I“ ist mein momentaner Aufenthaltsort, und hin und wieder habe ich Momente, wo ich mich auflöse im Großen und gleichzeitig zum Mitschöpfer werde. Sie berühren und erschrecken mich zugleich, und ich werde diesem Prozeß Zeit und Ruhe lassen, mir selbst Zeit und Ruhe lassen – mich selber zu mir selber zu verführen, sozusagen. ;-)

  1. „Inner Secret: That Something Within“…eine der ursprünglichsten und unverschwurbeltsten Versionen der Grundidee, die die meisten leider nur aus dem 17. Aufguß bei Parkplatz-beim-Universum-Bestellern oder „The Secret“ kennen… Man ignoriere je nach persönlichem Geschmack die Ausrichtung auf „Erfolg“ und beachte die grundlegenden Mechanismen und Zusammenhänge
  2. Ja, das ist auch einer der Namen dieses rachsüchtigen Wüstengottes und eine der wenigen spirituellen Restwahrheiten, die in den „heiligen“ Büchlein der Weltreligionen überlebt haben. Aber um den geht es hier grad nicht. Um den alten Wichtigtuer geht es eigentlich nie… ;-)
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