Langeweile

In einem Erfahrungsbericht über das Leben in Tamera, mit dem ich mich ansonsten nicht näher beschäftigt habe (er war auf den lustigen Seiten von Ingo “Sektenjäger” Heinemann zitiert) schreibt eine junge Dame:

In Tamera erlebte ich eine Atmosphäre von moralischer Selbstgerechtigkeit und aufgesetztem „Gutmenschentum“, die mich entsetzlich langweilt. … Woher kommt diese Langeweile in einer Umgebung, die doch gern freizügig, sexy und rebellisch erscheinen möchte? Was hier fehlt, ist die innere Spannung, die Polarität, das Bewusstsein für die eigenen Schwachstellen, den eigenen Schatten. So wurden z.B. beim Thema „freie Sexualität“ die Schattenthemen dieser Lebensweise wie Eifersucht oder Geschlechtskrankheiten konsequent ausgeklammert.

Einmal abgesehen von logischen Mängeln 1 und Formulierungen, die mehr Rückschlüsse auf die Schreiberin zulassen als auf Tamera, fand ich den Begriff der “Langeweile” und seine Verwendung in diesem Zusammenhang interessant.

Wird es im Elfenwald auch so “langweilig” werden? Und wäre das, wenn ja, schlimm?

Glücklich das Volk, dessen Geschichte sich langweilig liest.

(Charles de Montesquieu)

Langeweile ist ein vor allem innerer Zustand, kein äußerer. Ereignislosigkeit kann auch Erfüllung bedeuten – das Leben eines “angekommenen” Weisen oder das Leben im Paradies – beide dürften unendlich “langweilig” sein, jedenfalls für den, der “Action” braucht.

Wer von einem Club zum nächsten Kabbala-Seminar, vom Sky-Diving zur Greenpeace-Walfängerblockade, von Gruppensex-Parties zu Kirchentagen hetzt, wer die Etiketten “sexy” und “revolutionär” braucht – der wird sich im Elfenwald hoffentlich so entsetzlich langweilen, daß er schnell wieder abreist.

Ich wünsche mir sehr, daß es dort “langweilig” wird. Auch im Elfenwald wird es freie Liebe geben, wer will, wird mehrere Partner/innen haben und damit mutmaßlich glücklicher sein als zuvor. Deshalb muß man nicht revolutionär und zwanghaft demonstrativ herumficken. Ein einfacher, natürlicher Zustand braucht weder Spannung noch besondere Betonung. Genauso wie erfüllender Sex weder Reizwäsche noch Handschellen braucht.

Wir werden die Gesellschaft und die Sicht der Welt bei vielen Menschen verändern. Aber vermutlich eher nicht, indem wir mit Plakaten angekettet in den Bäumen hocken, oder mit Mollis werfen, sondern durch ein stilles und auf seine Weise “vorbildliches” Vor-Leben. Entwicklung vollzieht sich vor allem IN einem Menschen, durch Denken, Lernen, Still-Werden. Nicht durch hektischen Aktivismus. Das Leben im Elfenwald wird – bei aller Geschäftigkeit und bei allem Tun – in der Regel ein gemächlich kontemplatives sein.

Auch die gedankliche und reale Beschäftigung mit “Schattenseiten” (soweit vorhanden) kommt sehr gut ohne intellektuellen “Kick” aus. Polarität ist kein Wert an sich. Sie ist eine Tatsache, und oft eher hinderlich. Man soll sie nicht wegdrücken, aber auch nicht anbeten.

Wer in Achtung und Ruhe und Liebe-voll miteinander und mit sich selbst umgeht, der wird sehr oft auf “normal” lebende Menschen, die es gewohnt sind, sich mit (äußerst langweiliger) Reizüberflutung oder, nachdem sie halbwegs aufgewacht sind, mit Anti-Aktivismus zu betäuben und von sich selbst abzulenken, “langweilig” wirken. So what.

Vielleicht wird es auf dieser Welt noch einmal so übel, daß wir diese “Langeweile” durchbrechen müssen. Es gibt immer die Abwägung zwischen innerem Frieden und dem Unfrieden der Welt – und der (vermeintlichen) Notwendigkeit, eingreifen zu “müssen”. Vielleicht werden wir uns irgendwann die rundlichen Hobbit-Bäuche noch einmal abtrainieren und die alten Schwerter hervorkramen. Die des Geistes und ggf. auch die “Schwerter”, die heutzutage eher mit Kaliber 7,62 um sich werfen… Aber zumindest auf Letzteres könnte ich gut verzichten.

Ein Hoch auf die vermeintliche “Langeweile”. Und die, die keine kennen – weil sie keine in sich tragen…

  1. Eifersucht ist weniger ein “Schattenthema” der Freien Liebe, als der beknackten Zweierkistengesellschaft… und sog. Geschlechtskrankheiten haben mehr mit krankhafter “Liebe” und psychischen Faktoren (Eifersucht, Verlustangst, Ekel vor „der anderen“, etc.), als mit der Zahl der Sexualpartner zu tun…
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