Gewalt & Gewaltfreiheit

Ein beachtlicher Teil dieser Welt steht unter der Fuchtel von Menschen, die dem Kultus des „Christentums“ anhängen. Dem angeblichen Urheber dieser merkwürdigen Religion werden ein paar denkwürdige Zitate zugeschrieben – nach denen selbstverständlich (fast) keiner seiner vermeintlichen Anhänger lebt. „Die andere Wange hinhalten? Sich nicht wehren? Bin ich bekloppt, oder was?“

Auf der anderen Seite gibt es eine wachsende Zahl von gewaltbereiten Gewalt-Annihilatoren, deren erklärtes Ziel es ist, die Welt zu einem gewaltfreien Ort zu machen, koste es, was es wolle, auch wenn man alle Andersdenkenden und die gängigen Sprachen gleich dazu ausrotten muß.

Ich selbst habe zur Gewalt, wobei ich darunter hauptsächlich die handgreifliche, „richtige“ Gewalt verstehe und die Psycho- und Sprach-Feinheiten in einer anderen Schublade ablege, ein gespaltenes Verhältnis.

Ich schätze sie nicht. Weder, sie auszuüben, noch sie zu erleiden.

Ich denke auch, und diese Annahme hat sich mir praktisch u.a. während meiner Landstreicherjahre bestätigt: wer mit einer bestimmten Grundeinstellung und „Ausstrahlung“ durchs Leben geht, wird sehr selten mit Gewalt konfrontiert sein. Hat etwas zu tun mit dem „Erschaffen“ von Realität, dem „Manifestieren“, den Gedanken und Gefühlen, die unsere Erfahrungen und Erlebnisse (mit-)erschaffen.

Trotzdem habe ich auf Reisen und auch sonst gewöhnlich ein Messer in Reichweite (und kann auch halbwegs damit umgehen), und in früheren Jahren war ich zweimal auf meinen Solo-Reisen mit Kleinkriminellen konfrontiert – beide Male habe ich zur Klinge gegriffen, war auch bereit, es darauf ankommen zu lassen, beide Male hat glücklicherweise die Geste gereicht.

„Concerning non-violence: It is criminal to teach man not to defend himself when he is the constant victim of brutal attacks.“ – aus „V for Vendetta“

Ich bin jedenfalls persönlich nicht bereit, auf Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung grundsätzlich „gewaltfrei“ zu reagieren. Und ich halte auch bei den meisten Predigern der Gewaltfreiheit die grundsätzliche Ablehnung von gewaltsamem Waffen- oder Körpereinsatz für eine höchst theoretische Nettigkeit, die, praktisch auf die Probe gestellt, in winselnder feiger Ergebung – oder einem sehr schnellen Vergessen der vermeintlichen Grundsätze sich verlaufen würde.

Kleine theoretische Übung, gefahrlos und ohne Zeugen am heimischen Rechner oder Fernseher durchführbar:
seht Euch „Gandhi“ 1 an. Ja, diese alte, etwas fett geratene Verfilmung mit Ben Kingsley. Da gibt es diese Szene, als der „Salzmarsch“ fast die Küste erreicht hat. Da sind die Teilnehmer des Protestzuges. Ihnen gegenüber Ketten von Polizisten und Soldaten, mit Waffen und Holzknüppeln, die verhindern sollen, daß der Protestmarsch sein Ziel erreicht. Sie gehen einfach weiter, diese Menschen. Laufen Reihe auf Reihe in die Stöcke. Brechen blutüberströmt zusammen. Die Verwundeten werden abtransportiert oder wanken davon, die nächste Reihe tritt vor und läßt sich niederknüppeln. Reihe auf Reihe. Bis den Soldaten die Arme lahmwerden. Bis der Ablösung die Arme lahmwerden und wohl auch die Herzen. Irgendwann „gewinnen“ sie tatsächlich. Es ist eine der übelsten Szenen der Filmgeschichte, für mich grausamer als jedes Rambo-Gemetzel oder irgendetwas sonst.

Seht es Euch gut an. Versetzt Euch hinein. Spürt die Schläge. Spürt die Sekunde vor dem Schlag, wenn Ihr vortretet, Auge in Auge mit den Bewaffneten, und nicht einmal die Arme hebt zur Abwehr des Schlages.

Diese Form von massenhaftem, entschlossenem und unbeugsamen Widerstand kann funktionieren. Kann. Und auch das nur, wenn es massenhafte Solidarität gibt, und jeder einzelne sich nicht um sein Leben schert. Und wer dazu nicht bereit ist, sollte etwas zurückhaltender sein beim Predigen.

Ich wäre es nicht. Also predige ich auch nicht. Ich habe auch seinerzeit den Kriegsdienst aus anderen Gründen verweigert – nicht, weil ich aus Gewissensgründen keinen Menschen töten könnte, sondern weil ich nicht bereit bin, auf Befehl und zum Profit eines Anderen irgendein armes Schwein zu killen. Ich allein entscheide, wo für mich die Grenze überschritten ist – und wenn es zu krass wird, bin ich sehr wohl bereit, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Androhung von Messer gegen Androhung von Raubüberfall, und ich halte auch Armbrust und Sturmgewehr für legitim, wenns haarig wird, oder finstere Guerilla-Methoden im Falle eines brutalen Besatzer-Regimes. Siehe dazu auch der Artikel zum Thema „Waffen“.

Übrigens, noch einmal Gandhi – da gibt es ein kleines, aber weitverbreitetes Mißverständnis. Es ging Gandhi zunächst einmal um aufrechten Gang und Widerstand. Ihm war durchaus klar, welche Anforderungen seine Form von zivilem Ungehorsam an die Menschen stellte, und aus mehreren Zitaten wird deutlich, daß ihm bewaffneter Widerstand lieber war als gar keiner, und er keineswegs den Fehler machte, feiges Sich-Ergeben und Nichtstun mit Gewaltfreiheit zu verwechseln.

Gandhi guarded against attracting to his satyagraha movement those who feared to take up arms or felt themselves incapable of resistance. ‚I do believe,‘ he wrote, ‚that where there is only a choice between cowardice and violence, I would advise violence.‘

Sei friedfertig und sanftmütig, stärke die morphogenetischen Felder eines liebevollen Miteinanders, setze nie aktiv Gewalt zu Deinem Vorteil ein, ohne dazu gezwungen zu sein – aber wenn Wesen meinen, sie müßten gewaltsam Macht über andere ausüben, andere quälen, zwingen, töten, – dann tritt ihnen entgegen.

Ohne Haß, wenn es geht.
Aber entschieden, und auch nicht unbedingt pingelig in der Wahl der Mittel.

Das gilt übrigens auch auf der Ebene der (Innen-)Politik. Das Gesindel, das in der BRD und einem Großteil Europas die Menschen ausplündert und als renditepflichtiges „Humankapital“ traktiert, das Angriffskriege führt, das „Terroranschläge“ inszeniert und Bürgerrechte prämienfrei abwrackt, das „Freiheit“ nur noch in der scheinbaren Freiheit der Märkte kennt – diesem Gesindel und seinen Handlangern in der Politik gehört entgegengetreten (oder man geht ins Exil).

Und da die friedlichen Mittel ausgehöhlt und verboten werden und von Seiten des „Rechtssystems“ keinerlei Recht mehr in Sicht ist, bleibt nur sehr aktiver Widerstand. Und auch dieser wird in absehbarer Zeit vor der Entscheidung stehen, eine hübsche gewaltfreie Fußnote im Artikel über die NWO in den Geschichtsbüchern einer fernen und hoffentlich wieder freieren Zukunft zu werden, oder gemeinsam mit dem anständigeren Teil der „Bürger in Uniform“ die Macht des Geldes und seiner Handlanger zu brechen.

Fight the future – resist or serve.

Update, Anfang Juni 2009: heute lese ich eine Meldung, die zu denen gehört, von denen Gehirnwäschekunden der Systemmedien meist nichts lesen oder hören (oder in sehr „aufbereiteter“ Form). Und eine von denen, die noch mein trauriges Achselzucken durchdringen. Peru, unter der Führung einer wirtschaftsfaschistischen Marionettenregierung, hatte in letzter Zeit weite Landesteile zur „Nutzung“ und „Erschließung“ an ausländische Konzerne verschachert. Mit dabei natürlich vor allem die USA und die heilige Obama-Administration. 30.000 Indigene, Menschen, die wie immer nicht gefragt wurden und deren Lebensräume, darunter die letzten Reste des peruanischen Regenwaldes, nun zur Endlösung anstehen, haben die letzten Tage die Gegend lahmgelegt, Straßen blockiert, versucht, auf das ihnen angetane Unrecht und die Gier und Zerstörungswut des Kapitals aufmerksam zu machen. Die Proteste waren weitestgehend friedlich und gewaltfrei. Nun haben Regierungstruppen begonnen, mit Billigung der Industrienationen, die Region zu „befrieden“. Typisches Vorgehen: bei der Räumung einer Straßensperre wurde nicht nur wie gewöhnlich geknüppelt und der eine oder andere erschossen, sondern es wurde unter anderem mit Armeehubschraubern auf Demonstranten gefeuert. Über fünfzig Menschen haben es mit ihrem Leben bezahlt, daß die Rendite anderer nicht ihr höchstes Gut war. Der Rest des Widerstandes dort wird sich nach diesem Massaker schwer tun, weiter friedlich zu bleiben. Ein trauriges Beispiel dessen, was ich oben eher theoretisch zur Diskussion stellte.

(Weiteres Update: nein, die zuvor erwähnten Proteste blieben nicht friedlich. Einige Polizisten mußten ebenfalls dran glauben, und auf durchaus unschöne Weise. Immerhin: zumindest vorübergehend sind die umstrittenen „Gesetze“ zurückgenommen worden und wurden erst zwei Wochen später leicht modifiziert wieder durchgepeitscht … )

  1. „Gandhi“ (1982, Richard Attenborough), als DVD oder Blueray erhältlich
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