Freie Liebe

Freie Liebe – eines der Themen, zu denen man eigentlich ein Buch schreiben müßte (was ich auch tue… – s.u. ), zu dem ich aber auch hier ein paar Stichworte, Mechanismen und Mißverständnisse kurz anreißen möchte.

Denn ein freies Leben von Liebe gehört zu den Dingen, die für das Elfenwald-Projekt bzw. das Zusammenleben mit mir zwar nicht „verpflichtend“ sind, aber zumindest mit Wohlwollen toleriert werden müssen und keinen Schmerz verursachen sollten.

Kurz gesagt: für mich ergeben Formulierungen und Worte wie „Ehe“, „Partnerschaft“ (worunter meist Zweierkiste verstanden wird), „meine Freundin“, „Treue“, „Eifersucht“, „Familie“, „fremdgehen“, „Schluß machen“, „frei werden für eine neue Beziehung“ etc. keinen Sinn mehr.

Teilweise erinnere ich mich noch sehr gut daran, was sie für die meisten bedeuten (weil ich lange Zeit selbst ein Mensch war, der sich über Beziehungen definiert hat und höllisch besitzergreifend und eifersüchtig war), aber sie sind mir fremd geworden.

Teils durch willentliche Entscheidung, teils durch schmerzhafte Lernprozesse, die mir die Absurdität der gängigen Beziehungsstrukturen vorgeführt haben, teils einfach durch natürliche, gleitende Entwicklungen.

Das Problem: umgekehrt gibt es keine Worte, um das, was ich denke und in den letzten Jahren angefangen habe, zu leben, halbwegs mißverständnisfrei zu benennen. Deswegen verwende ich z.B. auch Formulierungen wie „eine liebe Gefährtin“, oder „meine Primärgefährtin“, obwohl ich dieses Wesen nach gängigem Sprachgebrauch auch ruhig „meine Freundin“ nennen könnte. Und so ist es mit vielen Begriffen – zweitausend Jahre Pfaffenherrschaft und „bürgerliche Gesellschaft“ sowie die „sexuelle Revolution“ haben praktisch kein Wort im Umfeld von Liebe und Sex verschont, alles ist aufgeladen mit gruseligen Nebenbedeutungen.

„Freie Liebe“? Da denken die meisten nur ans Vögeln, und nicht wenige an Zwangsbefreiungen a la Otto Mühl (übrigens halte ich das, was derlei Freie-Liebe-Kommunen seinerzeit praktiziert haben, für einen wichtigen und notwendigen Befreiungsschritt. Ohne ihre Vor“arbeit“ gäbe es Ansätze und Lebensgefühle wie bei mir vermutlich nicht).

„Polyamorie“? Kommt näher dran. Aber kennt kein Schwein, und die es kennen, definieren es oft schon wieder sehr bürokratisch (z.B. gibt es bei Polyamoristen oft sehr rigide Kontrollstrukturen, Veto-Recht gegen neue Beziehungen, etc.pp.).

Ich bevorzuge letztlich „Freie Liebe“, denn genau darum geht es. Liebe. Und frei.

Ich versuche mal, zu erklären, wie ich mir das mit den Bienchen und den Blümchen und so vorstelle ;-)
Und ich bitte Euch, bei den Worten, die ich dabei zwangsläufig verwende, möglichst nicht den ganzen Rattenschwanz mitzudenken, den unsere Gesellschaft, Religion, etc. während der letzten Jahrtausende drübergestülpt haben.

Für mich spielen Beziehungen auf verschiedenen Ebenen, im wesentlichen drei davon:

  • körperlich/fortpflanzungsorientierte Ebene (wozu kein Kinderwunsch benötigt wird – ich rede auch und gerade von unbewußten Mechanismen), hauptsächlich durch Hormone und evolutionäre Mechanismen bestimmt. Da verhalten wir uns meist nicht viel anders als die werten Ahnen seit ein paar zehntausend Jahren, weswegen ich Menschen, die vorrangig von dieser Ebene getrieben sind, auch gerne als „Steinzeit-Männchen“ bzw. „Steinzeit-Weibchen“ bezeichne. Hier ist auch das allseits beliebte Opfer-/Täterspiel angesiedelt (toller Alpha-Mann „verführt“ sich zierendes Weibchen, das sich dann bei Bedarf als „Opfer“ inszenieren kann und nicht selbstverantwortlich fühlen muß…) Stichworte „Verliebtheit“, „Balzen“, „Ficken“.
  • geistige Ebene. Kompatibel sein, „Sich-Verstehen“, ähnliche Sprache, halbwegs gleichrangige Bildung/Interessen. Das ist mal mehr, mal weniger wichtig, gehört aber für mich dazu. Gegenseitige Achtung. Respekt für die Wege und Gedanken des anderen. Der „bewußtere“ Teil des Beziehungsgeflechtes. Stichwort „Freundschaft“, „Vertrautheit“, „Achtsamkeit“, „Liebe“
  • „spirituelle“ Ebene. Beschreiben wir es mal so, wobei ich bitte, das als Arbeitshypothese oder sogar nur als „Metapher“ zu sehen, da wir über diese Prozesse noch nicht sehr viel wissen. Seelen verabreden sich, bestimmte Lernerfahrungen, Liebesverbindungen, Verletzungen, Heilungen, etc. miteinander und aneinander zu erproben und gemeinsam zu durchleben. Manche kennen sich auch schon ein ganzes Weilchen. Stichworte „Seelenverwandtschaft“, „Seelenrudel“, „karmische Verbindungen“, „bedingungslose Liebe“.

Jede dieser Ebenen ist wichtig, jede hat ihr Recht, mal ganz abgesehen davon, daß sie auch kräftig miteinander verwoben sind, und Sex auch spirituelles Verschmelzen weiblich-männlicher Prinzipien sein kann. Jede Ebene „darf“ selbstverständlich auch für sich allein ausgelebt werden – wer sollte es auch verbieten? Ich habe nichts gegen „rein technisches“ Herumgevögel – wenn es ohne Bigotterie und Doppelmoral und dummes Herumgelüge ausgelebt wird. Manchmal ist es eine Phase, bei manchen dauert sie ein wenig länger. Mein Weg ist es nicht – weshalb ich auch Wert darauf lege, daß ich unter „freier Liebe“ eben gerade nicht nur „Sexuelle Befreiung“ und körperliche Beliebigkeit verstehe.

Denn nach der Befreiung kommt lästigerweise Freiheit, und das ist meist das, wo’s kompliziert wird, obwohl es so einfach sein könnte…

Ich akzeptiere, wenn manche Menschen ihrer „Seelenhälfte“ hinterhersuchen, oder wenn zwei Seelen und Menschen beschlossen haben, diese Runde halt mal in ausschließlicher Zweisamkeit zu verbringen.
Ich bevorzuge zwar „ganze Seelen“ und mehrere davon, aber wer will, der soll – solange nicht gleich wieder die Zweierkiste als „richtig“, moralisch „besser“, oder gar gesetzlich höhergestellt und spirituell notwendig zum Dogma und zum verpflichtenden Standard gemacht wird.

Richtig heftig wird es leider, wenn „Freie Liebe“- und „Seelenhälften“-Anhänger in Liebe aufeinandertreffen – das schmerzt, beide, und zwar übel. Gehört ärgerlicherweise zu den Transformations- und Lernprozessen unserer Zeit.

Nach meinem Gefühl leben wir in frei fluktuierenden Beziehungsgeflechten. Netze, die sehr oft älter sind als ein Leben. Netze, die aus einer ganzen Menge Knoten bestehen. Nicht allen Wesen, mit denen man bereits verbunden war, begegnet man in jeder Runde wieder. Aber meist mehr als nur einem. Und der/die eine oder andere Neue taucht auch immer mal auf. Ich sehe auch keine Notwendigkeit, das zu begründen oder zu rechtfertigen. Diese Verbindungen sind dauerhafter als die oft beschworene „Bis das der Tod uns scheidet“-Phantasie. Sie sind achtungsvoller als die Besitzergreifungen. Und sie sind auch tiefer, und keineswegs oberflächlicher, als vermeintlich ach so Hohe Minne oder das „Heilige Sakrament“ der Ehe.

Es ist eine aus meiner Sicht künstliche und kranke Vorstellung, diese Verbindungen mit der Goldwaage abzumessen, die „wichtigste“ und „größte“ Liebe herauszufiltern, und dann alle anderen geliebten Wesen in die Wüste zu schicken oder zumindest ein paar Ebenen des Umgangs miteinander abzuschneiden.

Ich liebe eine ganze Reihe von Wesen – in meinem Fall Frauen (Randbemerkung: die Reihe ist gar nicht arg lang – Freie Liebe ist im Gegensatz zu rein hedonistischem oder biologisch getriebenem Herumgevögel nicht auf Quantität ausgerichtet). Auch ein paar Männer, aber lassen wir das grad mal raus, weil es mir hier um „ganzheitliche“ Beziehungen geht, die das Sexuelle beinhalten, und da kann ich mit Männchen nix anfangen…

Ein paar dieser Beziehungen sind furchtbar an die Wand gelaufen (größtenteils schon etwas her). Aber selbst diese sind für mein Gefühl nicht „beendet“. Wenn ich einen Menschen liebe, dann verschwindet diese Liebe nicht, auch wenn man neue und andere Wege geht. Sie verändert sich, wird vielleicht kühler, oder ist eine zeitlang mehr geistig. Vielleicht ist man auch auf sehr unterschiedlichen Wegen unterwegs, hat sich verletzt oder zerstritten, oder ist in irgendeine komische Wortlosigkeit gerutscht. Hat seit Jahren nichts voneinander gehört oder gesehen geschweige denn angefaßt. „Endet“ deshalb die Verbindung? Die „Liebe“?

Für mich nicht, bzw. nur in den seltensten Situationen, wo etwas wirklich „beendet“ worden ist, sei es, weil z.B. eine gemeinsame Lernerfahrung in positivem Sinne abgeschlossen wurde, oder weil der Schmerz zu groß war, oder das Wesen ein sehr anderes war als zunächst gedacht. Aber meist endet da gar nichts.

Und wenn das betreffende Wesen auf seiner Lebensreise mal wieder, gewollt oder „zufällig“, in die Nähe driftet – gibt es, außer merkwürdigen heiligen Büchlein, irgendeinen sinnvollen Grund, warum man dann sagen sollte: „Hey, schön Dich zu sehen, und ich liebe Dich auch immer noch – aber ich darf Dich jetzt nicht zu intensiv umarmen und erst recht nicht mit Dir ins Bett oder Dich einladen, hier bei uns zu wohnen, weil ich bin jetzt mit XY ‚zusammen‘“ ? Was für ein Murks.

Ich finde, man könnte einfach lieben.

Das kann mal ein Mensch sein (manchmal auch nur man selber), mal ein paar gleichzeitig, die Schwerpunkte können sich verschieben und frei fluktuieren, so, wie man selbst und die Menschen des „Seelenrudels“, wie ich es hilfsmäßig benenne, sich halt entwickeln und dabei begleiten. Mal ist man einem vertrauter, mal steht die Lust im Vordergrund, mal hält man eher Abstand und beobachtet nur wohlwollend. Und das alles hin und her und parallel und über Kreuz.

Meine Idealvorstellung ist eine Gemeinschaft von Menschen, deren Liebe und Vertrautheit untereinander so groß ist, daß es letztlich „egal“ ist, wer gerade mit wem schläft. Was übrigens nicht Gruppensex-Orgien bedeutet, schon gar nicht als Vorgabe.

Wie man all das in der Praxis und umgeben vom Anpassungsdruck einer verlogen-bigotten Welt der verheirateten Swinger-Club-/Seitensprung-Portal-/Beichtstuhl-Besucher, wo zwar hintenrum jeder jeden fickt und 40% aller Kinder Kuckuckskinder sind, aber immer fleißig von „Treue“ gefaselt und das gute alte Drama von ach so großer Liebe und Eifersucht inszeniert wird, leben und durchhalten kann – damit schlagen sich viele Gemeinschaften schon seit Jahren herum.

Wie das bei uns wird? Was weiß denn ich.

Ich halte es jedenfalls persönlich so, daß „meine“ geliebten Frauen gerne auch andere Vertraute und/oder Geliebte oder „Affairen“ haben „dürfen“ (aber nicht müssen), und ich selbst gestatte mir gleiches. Nicht als zwangsgockeliges Frauensammeln, aber so, wie es sich ergibt, und wo Herz und Seele und Kopf und Schwanz im Einklang sind, – und dabei liegen grundsätzlich alle Karten auf dem Tisch. Wie sich das dann entwickelt, wenn mehr Menschen dazukommen, wird man und frau sehen, bereden, leben. Wo wirkliche freie Liebe ist, und nicht nur Abhängigkeit, Besitz, Notdurft, Verlustängste und bigotte Geilheit, geht so ziemlich alles.

P.S.: selbstredend empfindet die Familien/Paar-zentrierte Norm (und die, die davon profitieren, von Staat über Kirche bis „Paartherapeut“) freiere Formen der Liebe als Bedrohung, Gefahr und „Störung“. Sie werden nicht müde, das gescheiterte Konstrukt der monogamen Pflichtbeziehung pseudowissenschaftlich und sonstewie (z.B. im erbärmlich tendenziösen Wikipedia-Artikel, der sich liest wie von einem Pfaffen geschrieben und nicht nur zu dämlich ist, mehr als drei Quellen von Befürwortern anzugeben, dafür aber selbst die Lutherbibel als „Gegner“ bemüht…) schönzureden.
Und sie versuchen Menschen, die besseres, sinnvolleres und menschengemäßeres (und sich selbst) entwickeln möchten, absurde akademische Kopffehlgeburten wie eine „Bindungsstörung“ anzudichten und sie vor den Traualtar zurückzutherapieren… Putzig. Gleiche Kategorie wie das „Heilen“ von Homosexualität, *lach*
Laßt Euch von den Kontrollfetischisten und Schwätzern nichts einreden – jeder unserer noch so tapsigen Gehversuche ist den Versuch wert und schöner und LIEBEvoller als diese ulkige, unfreie und meist erbärmlich unbewußte Mixtur aus evolutionärem Ballast und moralinsaurem Giftmüll, die heute vorherrscht…

Die Popularität dieses Artikels und vielfaches sehr positives Feedback (Danke!), v.a. aber die merkwürdigen Formen von „Liebe“, die ich immer noch als Norm im Alltag draußen sehe… Eine neue, freiere aber reifere Liebe wäre ein so immens wichtiger Entwicklungshelfer für eine in der Sackgasse herumwurschtelnde Menschheit, daß ich mich aufgerafft habe und ein Buch dazu schreibe! Geplanter Erscheinungstermin: öhm, das lassen wir lieber… ist fertig wenn es fertig ist! Wird hier und auf waldwort.com bekanntgegeben! Vernetze Dich mit mir auf Facebook oder Twitter, dann verpaßt Du es nicht!

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