Papalagi

Der Papalagi

Es ist ein kleines, altes Büchlein 1. Es enthält Reden, die ein “Südseehäuptling”, der vorgeblich eine Zeit lang Europa bereiste und Eindrücke dieser fremden und für ihn absurden Welt sammeln konnte, an sein Volk richtet. Um es zu warnen, nicht dem gleichen Unfug zu folgen und nicht auf die Missionare und Händler, die subversiven Agenten dieser kranken “Zivilisation”, hereinzufallen. Lange war es populär in der Hippie- und Aussteiger-Szene und bei vielen, die unserer ach so zivilisierten europäischen Gesellschaft gerne den klärenden Zerrspiegel vorhalten.

Dann kam es etwas aus der Mode. Denn Kritik ist in Zeiten der Restauration nicht gerne gesehen, Kritik, die in ihrer Einfachheit sehr präzise trifft, schon gar nicht.

Und Scheurmanns Buch leidet daran, daß es in Zeiten der Schein-Objektivität und des Copyright-/Authentizitäsfanatismus einen furchtbaren Makel an sich trägt. Es ist – vermutlich, ganz klar wird das auch nach einer Weile Recherche nicht – zumindest in Teilen erfunden.

Es wird oft fälschlicherweise behauptet, das Wort “Papalagi” (gesprochen Papalangi) sei frei erfunden. Das stimmt nach meinen Informationen so nicht – es ist im Südpazifik weit verbreitet als Bezeichnung für “Weißer”.

Auch der Rest der sich meist redlich entrüstenden und oft gar noch mit der Rassismus-Keule wedelnden Kritik ist nicht so klar, wie man es gerne hätte.

Scheurmann war tatsächlich in Samoa (1914 / 1915) und ist keinesfalls ein rein phantasierender Karl May gewesen. Es war auch Anfang des 20. Jds. durchaus üblich, daß Südseeinsulaner als Exoten auf irgendwelchen Showtouren durch Europa reisen “durften”. Von Scheurmann selbst gibt es ein mäßig aufschlußreiches Zitat, in dem er eigentlich nur “zugibt”, daß natürlich durch die Übertragung und literarische Fassung Form und Färbung der Gedanken auch von ihm stammen und es sich nicht um wörtliche Reden handelt (was auch im Buch nie behauptet wurde). Daß der Häuptling des Gebietes, in dem Scheurmann sich aufhielt, anscheinend anders hieß und wohl auch Reden dieser Art nie gehalten oder entworfen hat – was solls, zumal die Quellenlage widersprüchlich und dürr ist.

Letztlich ist das aber auch gleichgültig. Natürlich war “die Südsee” nie GANZ das Paradies, als das sie von manchen stilisiert wurde. Und natürlich ist sie es heute erst recht nicht mehr – den Missionaren und sonstigen Europäern sei “Dank”. Ob es sich nun um eine phantasievolle, auf einen Südseeinsulaner projezierte Außensicht des Europäers Scheurmann handelt oder um eine mäßig authentisch transkribierte tatsächliche Außensicht des Häuptlings Tuiavii – sie hat uns etwas zu sagen.

In ihrer gekünstelten oder echten Naivität beschreiben die Reden alle wichtigen Aspekte unserer “Zivilisation”. Und führen ihre Absurdität und Verlogenheit gnadenlos vor. Manches ist heute nicht mehr gar so aktuell – wie die Rede “Vom Fleischbedecken des Papalagi”, wo die Körperfeindlichkeit und das beknackte Schamgefühl des Europäers durch den Kakao gezogen werden. Doch bei näherer Betrachtung sind auch diese Passagen durchaus nicht veraltet, in leicht verändertem Kontext. Schließlich ist auch bei uns bigotte “Züchtigkeit” wieder im Vormarsch, an den meisten Stränden wird man immer noch dumm angeglotzt, wenn man sich nackt auszieht, und von den Zuständen in USA (wo sich übrigens m.W. nie ein Verlag für das Buch fand…), wo gerade einer Lehrerin mal wieder jahrelange Haft droht, weil der technisch unbedarften Dame im Unterricht versehentlich ein paar Porno-Popups über den Bildschirm hüpften, und wo Vierjährige wegen “sexuellen Fehlverhaltens” gebrandmarkt werden, oder sonstigen von Klerikern und anderen Bigotten beherrschten Ländern einmal ganz abgesehen.

Die Verrücktheiten des Papalagi, seine Sucht nach “Dingen”, sein Leben in “steinernen Schubladen”, sein absurdes Verhältnis zum Geld, seine vermurkste Religion – alles kriegt sein wohlverdientes Fett ab. Und das auf fröhlich liebevolle, unanalytisch naive Weise, die oft mehr enthüllt, als manch dickleibige fußnotenbewehrte Systemkritik.

Natürlich läßt sich mit dem Papalagi als Handbuch kein moderner Staat aufbauen oder umgestalten. Auch kein Elfenwald. Aber es hilft sehr, seine vermeintlich so unvermeidlichen Zwänge und Werte immer mal wieder lachend und kopfschüttelnd von außen zu betrachten, um ihre (Ir)Relevanz nicht zu vergessen.

Das ist seit Jahrzehnten der Wert dieses kleinen Büchleins.

Und im Gegensatz zu einigen sauertöpfischen Kritikern, die es gnadenlos runterputzen, gönne ich es ihm daher, wenn sich noch ein paar Millionen Exemplare mehr in den Regalen und Herzen der Menschen ausbreiten und viele Menschen mit ihrem Wortwitz aufmuntern.

  1. Erich Scheurmann: Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiaves
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